Tiergestützte Heilpädagogik
mit Hund am Blindeninstitut Rückersdorf

Tiergestützte Heilpädagogik mit
Hund am Blindeninstitut Rückersdorf
Vorgeschichte, Beginn:
Im Rahmen meiner Ausbildung zur Heilpädagogin
begann ich, meine Hunde - eine Labrador- (Ida) und eine Cavalier King
Charles Spanielhündin (Buffy) in der heilpädagogischen Beziehungsarbeit
mit Kindern und Jugendlichen einzusetzen.
Beide Hündinnen zeichnen sich durch große Menschenfreundlichkeit,
emotionale Belastbarkeit, Gutmütigkeit und Feinfühligkeit
aus und eignen sich durch ihre sonstigen rassetypischen und individuellen
Anlagen sehr für die Arbeit mit Menschen. Sie sind mit uns vertraut
und sicher und leben im engen Kontakt zu uns und innerhalb ihres kleinen
Hunderudels.
Sie sind erzogen, befolgen die wichtigen Kommandos und sind äußerst
verlässlich, erschrecken nicht durch schnelle Bewegungen oder plötzliches
Bellen.
Zur weiteren Schulung nahm ich mit den Hunden an Fortbildungs- und Trainingslehrgängen
für Therapiehundeteams teil und erarbeitete mir in der folgenden
Zeit meine eigene, spezifische, tiergestützte Arbeitsweise mit
mehrfach beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen, diese findet
in Einzel- und Gruppenangeboten statt.
Vorstellung der Hunde:
Mittlerweile sind Hunde in unterschiedlicher
Teamzusammenstellung im Einsatz:
Die inzwischen achtjährige Labradorhündin
"Ida", ist als "alte Häsin" die Erfahrenste.
Sie kommt mit jeder Situation spielend zurecht. Sie begegnet jedem Menschen
und jeder Situation mit großer Sicherheit, ist eine absolut verlässliche
Teampartnerin und reagiert auf jeden kleinen - akustischen oder optischen-
Hinweis von mir. Sie fühlt sich sehr schnell in Situationen ein
und strahlt Sicherheit und Verlässlichkeit aus. Nie reagiert sie
hektisch, abweisend oder aufdringlich, immer freundlich und gelassen.
Auf Ida kann man liegen, mit Ida kann man kuscheln, Ida geht vorsichtig
und ohne zu ziehen an der Leine, Ida meistert in der Turnhalle und im
Freien jeden Psychomotorikparcours, Ida tröstet, fühlt mit,
ist immer zuwendungsbereit, ahnlehnungsbedürftig und bereit, sich
auf Neues einzulassen.
Dies alles geschieht natürlich in der Zusammenarbeit mit mir, nicht
selbstständig. Ida ist kein Wunderhund, keine "Lassie"
oder ein "Flipper" auf vier Pfoten, sie ist einfach Hund.
Freilich ein Hund mit den genannten, besonderen Eigenschaften, die sie
aber ohne die enge Beziehung zu mir nie zeigen würde oder könnte.
Sie unterstützt mich in meiner Arbeit und macht so eine Art der
heilpädagogischen Beziehungsgestaltung möglich, die ich allein
oder mit anderen Hilfs- oder Arbeitsmitteln nicht erreichen könnte.
Kein Hund ist also selbst Therapeutin, sondern wirkt immer "stützend"
in meiner heilpädagogischen Tätigkeit- ein "Arbeitsmittel
mit Eigenleben" und dadurch mit besonderer Wirkung.
Lang habe ich nach einer geeigneten zweiten
Hündin gesucht- als "Zweitbesetzung" oder Vertretung
für Ida, irgendwann ihre Nachfolgerin.
Mit der jungen Labradorhündin "Sophie" habe ich wohl
die Richtige gefunden. Sie ist jetzt sechs Monate alt und zeigt gute
Voraussetzungen für diese Aufgabe : sie ist menschensicher und
interessiert, ruhig, lernbereit und neugierig.
Sie begleitet Ida und mich schon ab und zu in der Arbeit, braucht aber
natürlich noch viel Zeit, um in ihre neue Aufgabe hineinzuwachsen.
Als dritte Partnerin im Team ist immer eine
Cavalier King Charles Spanielhündin mit dabei.
"Betty" und "Louise", beide vier Jahre alt und weiß-braun
("blenheim"), bilden für mich eine ideale Ergänzung
zum großen, stabilen Labrador.
Sie sind klein- wiegen nicht mehr als acht Kilogramm- aber doch agil
und stabil, sind durch ihr langes Fell kuschelig und sehen durch ihren
rundlichen Kopf mit großen, dunklen Augen sanft und sehr freundlich
aus.
Wie die Labrador Retriever sind diese kleinen Spaniels eine Hunderasse,
die immer dazu gezüchtet wurde, Menschen zu gefallen, schnell zu
lernen und leichtführig zu sein, keine Neigung zur Aggression aufweisend
(nicht gegen Artgenossen und schon gar nicht gegen Menschen) und immer
fröhlich und schmusebereit.
Beide Rassen ergänzen sich hervorragend: die stabilen, kräftigen
Labradors eignen sich auch für ungeschickte, evtl. grob zufassende
Kinder und Jugendliche als Partner, sie sind nicht sehr empfindlich
und kommen auch mit kräftigen Berührungen gut zurecht. Dabei
sind sie trotzdem sensibel und einfühlsam.
Die eher filigranen und leichten Spaniels kann man auf den Schoß
nehmen, sie können sich auch an oder auf kleinere Kinder kuscheln,
im Rollstuhl auf dem Schoß sitzen, von ängstlichen Kindern
an der Leine geführt werden, einen schnellen, schwierigen Psychomotorikparcours
bewältigen, leicht in und auf den Arm genommen werden, in einem
Körbchen transportiert werden usw.. Sie eignen sich besonders gut
für etwas schwächere oder auch ältere und /oder ängstliche
Menschen. Durch ihr Aussehen entsprechen sie dem Kindchenschema und
wirken nicht bedrohlich.
Theoretische Grundlagen der Arbeit/ Mensch/Tier-
Beziehung:
1. Biophilie
2. Bindung als Basis sozialer und emotionaler Kompetenzen
3. Kommunikation zwischen Mensch und Tier
4. Implizit-erfahrungsbestimmter Funktionsmodus
5. Erklärung aus der humanistischen Psychologie
6. Wahrnehmung
Diese Grundlagen sollen hier nur kurz erwähnt
werden, ausführlich werden sie u. a. in der Konzeption für
tiergestütztes Arbeiten am Blindeninstitut Rückersdorf beschrieben.
Heilpädagogische Beziehungsarbeit mit Hund:
Meine Art der tiergestützten Heilpädagogik
lässt sich am besten durch die "heilpädagogische Beziehung"
und das "Dialogische Prinzip" erklären.
Sowohl in Einzelstunden als auch beim Einsatz in der Klasse bilden sie
die Grundlage meiner Arbeit, sind unerlässlich und machen es mir
möglich, meine Hunde in besonderer Art einzusetzen.
Meine Hunde arbeiten eng mit mir zusammen und unterstützen mich
als Team.
Sie ermöglichen mir einen schnellen, unbelasteten Beziehungsaufbau
zu den Kindern und Jugendlichen, machen neugierig, wecken Interesse,
nehmen Kontakt auf ohne zu bedrängen und bieten einen Gesprächsanlass.
1. Dialogisches Prinzip
Das dialogische Prinzip von Martin Buber (entn. aus Köhn, 2001,
S. 25) ist eine wesentliche Grundlage meiner Arbeit mit Mensch und Hund.
Dazu gehören vier Punkte- verbunden mit meiner Auslegung:
a) "Die Anerkennung und Bestätigung der Andersheit im Sinne
von Auseinandersetzung auf der Grundlage mitmenschlicher Akzeptanz und
Wertschätzung".
Die Begegnung ist hier wichtig. Durch die Begegnung des Kindes mit dem
Hund entsteht etwas Neues, eine aufmerksame Auseinandersetzung mit dem
"Anderen", ein Ausprobieren und Aufnehmen und das Erfahren
von einer ganz neuen Art der Begegnung mit einem anderen Lebewesen.
Dieses andere Lebewesen- hier der Hund- nimmt an, erkennt den Menschen
ohne Vorurteile oder Forderungen an und begegnet ihm völlig offen,
neugierig und voller Vertrauen. Hunde akzeptieren und schätzen
den Kontakt zum Menschen an sich, nicht zum Wunschbild mit der Vorstellung
von Können und Wissen, das dieser haben sollte, nicht mit einer
Vorstellung, wie er aussehen sollte, sondern frei von all diesem. Sie
lieben Menschen wegen ihrer Andersartigkeit, geben aber keine Regeln
dafür vor.
b) "Die Erfahrung der Gegenseite (d. h. die prozesshafte Erfahrungs-
und Verstehensannäherung an die Erlebensweisen des Du)"
Das Kind macht eigene Erfahrungen, erlebt einen fortlaufenden Prozess
in einer unbelasteten Atmosphäre, kann selbst gestalten. Durch
diese unbelastete Art der Begegnung hat auch die Heilpädagogin
die Möglichkeit, das Kind "neu" zu erleben, die Individualität
und die Persönlichkeit des Kindes neu zu erfassen. Durch die Ermöglichung
und Begleitung des Prozesses kann sie am Erleben des Kindes teilhaben,
durch die analoge Kommunikation zwischen Kind und Hund mehr vom Erleben
des Kindes erfahren und es dadurch besser verstehen.
c) "Die Unmittelbarkeit und Konkretheit der Hinwendung zum Du im
Sinne eines offenen personalen Angebotes"
Dieses offene personale Angebot umschließt den Hund und die Heilpädagogin.
Beide sind da- bereit, dem Kind zu begegnen und sich auf seinen Rhythmus,
seine Vorstellungen des Kontaktes einzulassen. Das Kind kann selbst
in seinem Rahmen handeln, die Beziehungsfähigkeit der Heilpädagogin
gibt ihm Sicherheit und Verlässlichkeit, konfrontiert aber auch
mit neuen, weiteren Möglichkeiten oder begrenzt sie ( z. B. bei
grobem Verhalten gegenüber dem Hund). So wird es möglich,
eine ICH-DU- Beziehung entstehen zu lassen. Das ist nur im unmittelbaren
Bezug zum anderen möglich.
d) "Die dialogische Verantwortung, die sich darin äußert,
in der Wechselwirkung von Rede und Gegenrede zur Antwort bereit zu sein
in Verantwortung"
"Der Dialog ist ein Gespräch, das durch wechselseitige Mitteilung
jeder Art zu einem interpersonalen "Zwischen", d. h. zu einem
den Partnern gemeinsamen Sinnbestand führt" (Gäb, 2000,
S. 33).
Dieser Dialog kann, wie schon erwähnt, durchaus analog geführt
werden, das mindert keinesfalls seine Qualität, sondern führt
zu neuen Möglichkeiten der Verständigung. Der Dialog wird
zwischen dem Kind und dem Hund geführt, aber ebenso zwischen beiden
und der Heilpädagogin, die ja mit-erlebt und mit-fühlt. Ihre
Empathie und Bereitschaft, sich auf dieses "Gespräch"
einzulassen ist entscheidend für das Gelingen des Prozesses und
das Erleben des Kindes.
Dabei sind ihre Persönlichkeitskompetenz und Sozialkompetenz, sowie
ihre Fach- und Methodenkompetenz wichtige Grundlagen, aber nicht ausschließlich:
Die Heilpädagogin wird erfahren, dass sie "nicht in erster
Linie oder ausschließlich als Fachfrau oder Fachmann gefragt ist,
sondern als Mensch oder Mitmensch. Der Hilfenehmer möchte wissen
und spüren, dass er nicht Objekt eines Jobs, einer professionellen
Funktion ist, sondern als Subjekt in einer Beziehung geachtet und gewürdigt
wird. Alle heilpädagogische Arbeit ist deshalb immer zuerst ein
Sicheinlassen in Beziehungen mit dem Menschen, ist immer auch ein Werten
des anderen, ein Bestätigen des Lebenswertes und ein Teilhaben
an diesem anderen, seinem Wert und seinen Konflikten" (Speck 1987,
S. 383 f).
2. Die heilpädagogische Beziehung
Aufbauend auf das vorher Geschriebene erweist
sich die heilpädagogische Beziehung als das Fundament für
die heilpädagogische Begleitung des Kindes.
Nach Köhn (2001, S. 26 f) stellt sie die Voraussetzung für
die "Erziehung unter erschwerten Bedingungen" dar, dient als
Hilfe der Entwicklung, vor allem der Identitätsentwicklung mit
dem Ziel der "Hilfe zur Vermenschlichung".
Die heilpädagogische Beziehung wird von einem heilpädagogischen
Menschenbild geprägt, dem Menschenliebe und Liebe zum Leben ebenso
wie eine personale Mitverantwortung als berufsethische Haltung zugrundegelegt
sind.
Die heilpädagogische Beziehung basiert
nach Nohl ( 1961) und Klafki (1970) auf pädagogischen Grundlagen
eines interpersonalen Erziehungsverhältnisses: sie geschieht um
des Kindes willen und wird für das Kind geschaffen. Sie hat eine
Wechselwirkung zwischen Heilpädagogin und Kind und kann nicht erzwungen
werden. Sie muss sich nach den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten
des Kindes richten. Sie ist in eine pädagogische Atmosphäre
eingebettet, die auf Einstellungen, Haltungen und Formen menschlicher
Zuneigung beruhen.
Bollnow spricht hier von "erzieherischen Tugenden", die sich
als gefühlsmäßige zwischenmenschliche Voraussetzungen
und menschliche Haltungen in einer heilpädagogischen Atmosphäre
entwickeln können.
Köhn (2001, S. 28 f.) skizziert die
Wechselwirkung und die "erzieherischen Tugenden" in Anlehnung
an Bollnow (1965) folgendermaßen:
1. Keine falschen Erwartungen
Er bezeichnet es als gefährlich, mit den Erwartungen zu sehr in
die Zukunft zu gehen, sich nicht vor allem nach der emotionalen Belastbarkeit
des Kindes zu richten sondern die eigenen Vorstellungen als Maß
der Dinge zu sehen. Köhn spricht hier von der "Eitelkeit"
der Bezugspersonen, die die Erfüllung ihrer Wünsche erwarten.
Entscheidend ist es, sich um eine Beziehung zum "einzelnen Kind
zu bemühen, um eine entwicklungsfördernde heilpädagogische
Atmosphäre zu schaffen".
2. Zutrauen und Vertrauen
Da das Kind in vielen Punkten von der Erwartung seiner Bezugspersonen
abhängig ist, ist es sehr wichtig, seinen eigenen Kräften-
körperlichen, geistigen, seelischen- zu vertrauen und überzeugt
davon zu sein, dass das Kind Entwicklungsaufgaben gut erfüllen
kann.
3. Geduld
"Die Geduld ist die Tugend des Wartenkönnens. Wir verstehen
sie am besten von ihrem Gegenteil her, von der Ungeduld, oder direkt
ausgedrückt, von der Hast." (Bollnow, 1965, S. 56 f.). Das
heißt, die Heilpädagogin sollte warten können, Angebote
machen, aber den eigenen Rhythmus des Kindes akzeptieren.
4. Hoffnung
Die Heilpädagogin braucht eine positive Zukunftsperspektive. Dieses
Vertrauen in die Zukunft kann ihr auch bei Enttäuschungen und Stillständen
helfen, eine innere Überlegenheit zu bewahren. Diese vermittelt
auch dem Kind die Sicherheit, dass sein Weg und seine Entwicklung weitergehen
wird.
5. Humor
Dieser Humor ist die Fähigkeit der Heilpädagogin, Probleme
und Kummer des Kindes aus einer gewissen Überlegenheit zu sehen,
sie dadurch leichter zu nehmen und sich nicht mit hineinziehen zu lassen.
So kann sie eine klare Sicht behalten und Spannungen lösen, vor
allem bei Zorn oder Verzweiflung des Kindes. Der Humor muss warm und
mitfühlend sein und das Kind achten, darf nie kalt oder ironisch
werden!
Zu den Aufgaben und Möglichkeiten der
personalen heilpädagogischen Beziehung gehören nach Köhn
(2001, S. 31) vor allem
- der äußere Halt, der durch einen klaren Rahmen gewährt
wird und in einer überschaubaren Situation stattfindet. Er ermöglicht
den
- inneren Halt, durch absolute Zuverlässigkeit der Bezugsperson
und Situation, die Sicherheit und Geborgenheit gibt.
- Vertrauen, Echtheit in der Selbst- und Fremdakzeptanz und -wahrnehmung
und daraus entstehender Wertschätzung.
-Empathie, das Verstehen, Eingehen und sich Einfühlen in die Bedürfnisse,
Fähigkeiten, Reaktionen usw. des Kindes
-Offenheit und Spontaneität, sich einlassen auf das "affektive,
psychosomatische und intellektuelle" Geschehen zwischen dem Kind
und der Heilpädagogin.
-Permissivität, Freizügigkeit und Freiheit beim Suchen eigener
Ziele gewähren.
- Interdependenz, die gegenseitige Abhängigkeit im Sinne ausgleichender
Gerechtigkeit (ausgewogene Autorität und Mitbestimmung von Kind
und Heilpädagogin).
In all diesen Punkten unterstützt der
Hund die Heilpädagogin im Zusammen- wirken.
Er ermöglicht durch seine Anwesenheit, durch seine Reaktion und
Kommunikation ein entspanntes Klima, in dem vieles möglich wird,
eine "lockere Atmosphäre". In dieser ist ein entspannter
Aufbau der heilpädagogischen Beziehung möglich. Anfangshemmnisse
sind geringer, die Möglichkeit, den Hund zu sehen, vielleicht über
ihn zu reden, ihn zu streicheln, seine Körperwärme und seinen
Herzschlag zu spüren und die Zuneigung, die der Hund dem Kind gegenüber
zeigt, erleichtern Kind und Heilpädagogin den Kontakt zueinander.
Das Tier übernimmt die Funktion eines Mittlers und über die
lebendige, empathische Beziehung des Kindes zum Hund wächst auch
die Beziehung zur Heilpädagogin, die ja das ganze Geschehen ermöglicht,
begleitet und leitet. Es ist wichtig, dass der Kontakt zum Hund nie
als Ersatz zu menschlichem Kontakt gesehen wird, sondern als Ergänzung
und Bereicherung.
Tiergestützte Heilpädagogik -
meine Art der tiergestützten Arbeit
In der Praxis sieht das dann so aus:
Ich bin als Heilpädagogin im Schuldienst am Blindeninstitut Rückersdorf
angestellt und leite eine Klasse in der Berufsschulstufe mit mehrfachbeeinträchtigten
jungen Erwachsenen zwischen 18 und 21 Jahren. Zusätzlich arbeite
ich freiberuflich an der Einrichtung und biete Einzeleinheiten mit meinen
Hunden an.
Die Kinder und Jugendlichen- an unserer Einrichtung meist mit mehrfachen
Beeinträchtigungen - begegnen den Hunden gemeinsam mit mir im engen
Kontakt. In der Klasse in kürzeren Zeiteinheiten, weil dann sechs
SchülerInnen mit den Tieren im Raum sind. So gehen die Hunde oft
selbst auf die Jugendlichen zu, fordern zu Aktionen und Berührungen
auf. Sie sind den ganzen Vormittag mit im Raum, kennen die Menschen
und sind entsprechend entspannt. Sie haben die Möglichkeit, sich
zurückzuziehen und ungestört zu sein, können aber auch
eine längere Zeit mit uns allen zusammen sein. Zu diesen eher kurzen
Kontakten kommen auch in der Unterrichtssituation längere Phasen
großer Nähe- ich ermögliche, dass ein Schüler auf
"Ida" liegen kann, dass sich "Sophie" oder der Cavalier
an jemanden schmiegt oder auf dem Schoß sitzt. So werden Wahrnehmung,
Beziehung und Dialog möglich, vertraute Situationen entstehen,
aber auch neue Erfahrungen können gemacht werden.
Die Einzeleinheiten bieten die Möglichkeit einer 45 Minuten langen,
intensiven Begegnung, die ganz individuell gestaltet werden kann. So
kann ich eine ganz ruhige, entspannende Stunde schaffen, in der das
Kind auf dem Hund gelagert, die Körperwärme, den Herzschlag
und die Atmung, die kleinen Bewegungen, den Körper spüren
kann, und so eine vertraute "Ursituation" entsteht- geborgen
und sicher, wie als Baby auf dem Bauch der Mutter.
Oder der Hund sitzt eng mit mir und dem Kind zusammen und ermöglicht
so die Nähe.
Auch bei einer erst zurückhaltenden oder sogar ablehnenden Haltung
des Kindes/ Jugendlichen bleiben der Hund- mit meiner Unterstützung,
immer geschützt und abgesichert- und ich im Kontakt und Dialog.
Eine neue Form der Begegnung kann so erlebt werden und dadurch bekannte
und eingeschliffene Beziehungsmuster "entmachtet" werden -
besonders wirksam bei Menschen, die Nähe schlecht zulassen können
oder Körperkontakt oft mehr als negative Begegnung suchen, z. B.
durch aggressives Verhalten. Genauso klappt das bei einem Bedürfnis
nach großer Nähe, die mit dem unvoreingenommenen, nie wertenden
und immer ehrlich begegnenden Tier ganz unbelastet erlebt und genossen
werden kann.
Aber auch aktive Bewegungseinheiten finden statt- der Hund kann an der
Leine geführt werden, ein Parcours kann zusammen gestaltet und
bewältigt werden, die Möglichkeiten sind sehr vielseitig.
Der Hund als aktives, selbst mitgestaltendes Arbeitsmittel kann in immer
neuen Situationen mitwirken, immer trägt er dazu bei, eine motivierende,
entspannte, neugierig machende Atmosphäre zu schaffen und zum "mittun"
anzuregen.
Das Kind erlebt Bestätigung, fühlt sich unterstützt durch
den Hund, kommt in eine Situation der Stärke, in der es dem Hund
Unterstützung gibt und ihm zeigen kann, was zu tun ist. Eine Situation,
die Kindern mit "Schwächen", die sie oft genug selbst
erleben oder die ihnen von anderen vor Augen geführt wird, wieder
Selbstvertrauen gibt und "die Lust am Tun und Ausprobieren"
vermittelt.
Mir ist es wichtig, keinen festen Ablauf
mit striktem Förderziel vorzugeben, sondern eine selbst gestaltete,
sich entwickelnde, wachsende Situation zu ermöglichen. Alle Beteiligten-
Menschen und Hunde -müssen sich sicher und wohl fühlen, im
Kontakt bleiben. Jede Einheit ist ganz individuell auf die aktuellen
Bedürfnisse des Kindes/Jugendlichen ausgerichtet und entwickelt
sich mit der wachsenden Beziehung weiter. Ich ermögliche und leite,
lasse aber die Mitgestaltung des Kindes als selbstverständlich
zu. Zutrauen, Geduld, Hoffnung, Humor und die entsprechende, positive
Erwartungshaltung der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung wirken
sich hier immer positiv auf das gemeinsame Geschehen aus, der Dialog
entsteht.
Zu mir:
1990 bekam ich meinen ersten Labrador Retriever,
seit 1993 züchte ich diese Rasse unter dem Prefix "Franconian"
sehr erfolgreich, seit 1998 auch Cavalier King Charles Spaniels. Ich
züchte beide Rassen in VDH-angeschlossenen Zuchtvereinen und lege
dabei großen Wert auf das Wesen, die Gesundheit, aber auch das
Aussehen. "Franconians" sind immer wieder erfolgreich auf
internationalen Ausstellungen, haben Begleit-, Jagd- und Rettungshundeprüfungen
abgelegt und arbeiten als Therapiehunde mit Fachleuten. Daneben sind
sie tägliche Begleiter und geliebte Familienhunde.
In diesen langen Jahren habe ich viele Erfahrungen
und Fachwissen gesammelt:
- in Zucht und Welpenaufzucht
- bei Ausstellungen
- bei der Ausbildung meiner Hunde und den entsprechenden Prüfungen
- als Wesensrichterin und Zuchtwartin im Labradorclub D. (hier beurteile
ich Wesensanlagen und Fähigkeiten der Hunde, als Zuchtwartin die
Aufzucht und und den Zustand der Welpen und erwachsenen Hunde bei anderen
ZüchterInnen)
- als Heilpädagogin, die ihre Hunde selbst in ihrer Tätigkeit
einsetzt
- bei besuchten Fortbildungen und Weiterbildungen
- als Fortbildungsleiterin (seit 2007 wird eine von mir konzipierte
und zusammen mit anderen Fachleuten gehaltene "Fortbildungsreihe
über tiergestützte Therapie und -Pädagogik " beim
Fortbildungsinstitut der Lebenshilfe Bayern angeboten)
Literaturverzeichnis
Gäb, Erwin: Schulkonzept der Fachakademie
für Heilpädagogik
Rummelsberg
Eigenverlag, 2000
Köhn, Wolfgang Heilpädagogische
Erziehungshilfe und
Entwicklungsförderung
Universitätsverlag C. Winter, 2001
Speck, Otto System Heilpädagogik
Ernst Reinhardt Verlag, 1998