Tiergestützte Heilpädagogik mit Hund am Blindeninstitut Rückersdorf

Tiergestützte Heilpädagogik mit Hund am Blindeninstitut Rückersdorf

Vorgeschichte, Beginn:

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Heilpädagogin begann ich, meine Hunde - eine Labrador- (Ida) und eine Cavalier King Charles Spanielhündin (Buffy) in der heilpädagogischen Beziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen einzusetzen.
Beide Hündinnen zeichnen sich durch große Menschenfreundlichkeit, emotionale Belastbarkeit, Gutmütigkeit und Feinfühligkeit aus und eignen sich durch ihre sonstigen rassetypischen und individuellen Anlagen sehr für die Arbeit mit Menschen. Sie sind mit uns vertraut und sicher und leben im engen Kontakt zu uns und innerhalb ihres kleinen Hunderudels.
Sie sind erzogen, befolgen die wichtigen Kommandos und sind äußerst verlässlich, erschrecken nicht durch schnelle Bewegungen oder plötzliches Bellen.
Zur weiteren Schulung nahm ich mit den Hunden an Fortbildungs- und Trainingslehrgängen für Therapiehundeteams teil und erarbeitete mir in der folgenden Zeit meine eigene, spezifische, tiergestützte Arbeitsweise mit mehrfach beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen, diese findet in Einzel- und Gruppenangeboten statt.

Vorstellung der Hunde:

Mittlerweile sind Hunde in unterschiedlicher Teamzusammenstellung im Einsatz:

Die inzwischen achtjährige Labradorhündin "Ida", ist als "alte Häsin" die Erfahrenste. Sie kommt mit jeder Situation spielend zurecht. Sie begegnet jedem Menschen und jeder Situation mit großer Sicherheit, ist eine absolut verlässliche Teampartnerin und reagiert auf jeden kleinen - akustischen oder optischen- Hinweis von mir. Sie fühlt sich sehr schnell in Situationen ein und strahlt Sicherheit und Verlässlichkeit aus. Nie reagiert sie hektisch, abweisend oder aufdringlich, immer freundlich und gelassen.
Auf Ida kann man liegen, mit Ida kann man kuscheln, Ida geht vorsichtig und ohne zu ziehen an der Leine, Ida meistert in der Turnhalle und im Freien jeden Psychomotorikparcours, Ida tröstet, fühlt mit, ist immer zuwendungsbereit, ahnlehnungsbedürftig und bereit, sich auf Neues einzulassen.
Dies alles geschieht natürlich in der Zusammenarbeit mit mir, nicht selbstständig. Ida ist kein Wunderhund, keine "Lassie" oder ein "Flipper" auf vier Pfoten, sie ist einfach Hund.
Freilich ein Hund mit den genannten, besonderen Eigenschaften, die sie aber ohne die enge Beziehung zu mir nie zeigen würde oder könnte. Sie unterstützt mich in meiner Arbeit und macht so eine Art der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung möglich, die ich allein oder mit anderen Hilfs- oder Arbeitsmitteln nicht erreichen könnte.
Kein Hund ist also selbst Therapeutin, sondern wirkt immer "stützend" in meiner heilpädagogischen Tätigkeit- ein "Arbeitsmittel mit Eigenleben" und dadurch mit besonderer Wirkung.

Lang habe ich nach einer geeigneten zweiten Hündin gesucht- als "Zweitbesetzung" oder Vertretung für Ida, irgendwann ihre Nachfolgerin.
Mit der jungen Labradorhündin "Sophie" habe ich wohl die Richtige gefunden. Sie ist jetzt sechs Monate alt und zeigt gute Voraussetzungen für diese Aufgabe : sie ist menschensicher und interessiert, ruhig, lernbereit und neugierig.
Sie begleitet Ida und mich schon ab und zu in der Arbeit, braucht aber natürlich noch viel Zeit, um in ihre neue Aufgabe hineinzuwachsen.

Als dritte Partnerin im Team ist immer eine Cavalier King Charles Spanielhündin mit dabei.
"Betty" und "Louise", beide vier Jahre alt und weiß-braun ("blenheim"), bilden für mich eine ideale Ergänzung zum großen, stabilen Labrador.
Sie sind klein- wiegen nicht mehr als acht Kilogramm- aber doch agil und stabil, sind durch ihr langes Fell kuschelig und sehen durch ihren rundlichen Kopf mit großen, dunklen Augen sanft und sehr freundlich aus.
Wie die Labrador Retriever sind diese kleinen Spaniels eine Hunderasse, die immer dazu gezüchtet wurde, Menschen zu gefallen, schnell zu lernen und leichtführig zu sein, keine Neigung zur Aggression aufweisend (nicht gegen Artgenossen und schon gar nicht gegen Menschen) und immer fröhlich und schmusebereit.
Beide Rassen ergänzen sich hervorragend: die stabilen, kräftigen Labradors eignen sich auch für ungeschickte, evtl. grob zufassende Kinder und Jugendliche als Partner, sie sind nicht sehr empfindlich und kommen auch mit kräftigen Berührungen gut zurecht. Dabei sind sie trotzdem sensibel und einfühlsam.
Die eher filigranen und leichten Spaniels kann man auf den Schoß nehmen, sie können sich auch an oder auf kleinere Kinder kuscheln, im Rollstuhl auf dem Schoß sitzen, von ängstlichen Kindern an der Leine geführt werden, einen schnellen, schwierigen Psychomotorikparcours bewältigen, leicht in und auf den Arm genommen werden, in einem Körbchen transportiert werden usw.. Sie eignen sich besonders gut für etwas schwächere oder auch ältere und /oder ängstliche Menschen. Durch ihr Aussehen entsprechen sie dem Kindchenschema und wirken nicht bedrohlich.

Theoretische Grundlagen der Arbeit/ Mensch/Tier- Beziehung:

1. Biophilie
2. Bindung als Basis sozialer und emotionaler Kompetenzen
3. Kommunikation zwischen Mensch und Tier
4. Implizit-erfahrungsbestimmter Funktionsmodus
5. Erklärung aus der humanistischen Psychologie
6. Wahrnehmung

Diese Grundlagen sollen hier nur kurz erwähnt werden, ausführlich werden sie u. a. in der Konzeption für tiergestütztes Arbeiten am Blindeninstitut Rückersdorf beschrieben.


Heilpädagogische Beziehungsarbeit mit Hund:

Meine Art der tiergestützten Heilpädagogik lässt sich am besten durch die "heilpädagogische Beziehung" und das "Dialogische Prinzip" erklären.
Sowohl in Einzelstunden als auch beim Einsatz in der Klasse bilden sie die Grundlage meiner Arbeit, sind unerlässlich und machen es mir möglich, meine Hunde in besonderer Art einzusetzen.
Meine Hunde arbeiten eng mit mir zusammen und unterstützen mich als Team.
Sie ermöglichen mir einen schnellen, unbelasteten Beziehungsaufbau zu den Kindern und Jugendlichen, machen neugierig, wecken Interesse, nehmen Kontakt auf ohne zu bedrängen und bieten einen Gesprächsanlass.

1. Dialogisches Prinzip
Das dialogische Prinzip von Martin Buber (entn. aus Köhn, 2001, S. 25) ist eine wesentliche Grundlage meiner Arbeit mit Mensch und Hund.
Dazu gehören vier Punkte- verbunden mit meiner Auslegung:
a) "Die Anerkennung und Bestätigung der Andersheit im Sinne von Auseinandersetzung auf der Grundlage mitmenschlicher Akzeptanz und Wertschätzung".
Die Begegnung ist hier wichtig. Durch die Begegnung des Kindes mit dem Hund entsteht etwas Neues, eine aufmerksame Auseinandersetzung mit dem "Anderen", ein Ausprobieren und Aufnehmen und das Erfahren von einer ganz neuen Art der Begegnung mit einem anderen Lebewesen. Dieses andere Lebewesen- hier der Hund- nimmt an, erkennt den Menschen ohne Vorurteile oder Forderungen an und begegnet ihm völlig offen, neugierig und voller Vertrauen. Hunde akzeptieren und schätzen den Kontakt zum Menschen an sich, nicht zum Wunschbild mit der Vorstellung von Können und Wissen, das dieser haben sollte, nicht mit einer Vorstellung, wie er aussehen sollte, sondern frei von all diesem. Sie lieben Menschen wegen ihrer Andersartigkeit, geben aber keine Regeln dafür vor.
b) "Die Erfahrung der Gegenseite (d. h. die prozesshafte Erfahrungs- und Verstehensannäherung an die Erlebensweisen des Du)"
Das Kind macht eigene Erfahrungen, erlebt einen fortlaufenden Prozess in einer unbelasteten Atmosphäre, kann selbst gestalten. Durch diese unbelastete Art der Begegnung hat auch die Heilpädagogin die Möglichkeit, das Kind "neu" zu erleben, die Individualität und die Persönlichkeit des Kindes neu zu erfassen. Durch die Ermöglichung und Begleitung des Prozesses kann sie am Erleben des Kindes teilhaben, durch die analoge Kommunikation zwischen Kind und Hund mehr vom Erleben des Kindes erfahren und es dadurch besser verstehen.
c) "Die Unmittelbarkeit und Konkretheit der Hinwendung zum Du im Sinne eines offenen personalen Angebotes"
Dieses offene personale Angebot umschließt den Hund und die Heilpädagogin. Beide sind da- bereit, dem Kind zu begegnen und sich auf seinen Rhythmus, seine Vorstellungen des Kontaktes einzulassen. Das Kind kann selbst in seinem Rahmen handeln, die Beziehungsfähigkeit der Heilpädagogin gibt ihm Sicherheit und Verlässlichkeit, konfrontiert aber auch mit neuen, weiteren Möglichkeiten oder begrenzt sie ( z. B. bei grobem Verhalten gegenüber dem Hund). So wird es möglich, eine ICH-DU- Beziehung entstehen zu lassen. Das ist nur im unmittelbaren Bezug zum anderen möglich.
d) "Die dialogische Verantwortung, die sich darin äußert, in der Wechselwirkung von Rede und Gegenrede zur Antwort bereit zu sein in Verantwortung"
"Der Dialog ist ein Gespräch, das durch wechselseitige Mitteilung jeder Art zu einem interpersonalen "Zwischen", d. h. zu einem den Partnern gemeinsamen Sinnbestand führt" (Gäb, 2000, S. 33).
Dieser Dialog kann, wie schon erwähnt, durchaus analog geführt werden, das mindert keinesfalls seine Qualität, sondern führt zu neuen Möglichkeiten der Verständigung. Der Dialog wird zwischen dem Kind und dem Hund geführt, aber ebenso zwischen beiden und der Heilpädagogin, die ja mit-erlebt und mit-fühlt. Ihre Empathie und Bereitschaft, sich auf dieses "Gespräch" einzulassen ist entscheidend für das Gelingen des Prozesses und das Erleben des Kindes.
Dabei sind ihre Persönlichkeitskompetenz und Sozialkompetenz, sowie ihre Fach- und Methodenkompetenz wichtige Grundlagen, aber nicht ausschließlich: Die Heilpädagogin wird erfahren, dass sie "nicht in erster Linie oder ausschließlich als Fachfrau oder Fachmann gefragt ist, sondern als Mensch oder Mitmensch. Der Hilfenehmer möchte wissen und spüren, dass er nicht Objekt eines Jobs, einer professionellen Funktion ist, sondern als Subjekt in einer Beziehung geachtet und gewürdigt wird. Alle heilpädagogische Arbeit ist deshalb immer zuerst ein Sicheinlassen in Beziehungen mit dem Menschen, ist immer auch ein Werten des anderen, ein Bestätigen des Lebenswertes und ein Teilhaben an diesem anderen, seinem Wert und seinen Konflikten" (Speck 1987, S. 383 f).

2. Die heilpädagogische Beziehung

Aufbauend auf das vorher Geschriebene erweist sich die heilpädagogische Beziehung als das Fundament für die heilpädagogische Begleitung des Kindes.
Nach Köhn (2001, S. 26 f) stellt sie die Voraussetzung für die "Erziehung unter erschwerten Bedingungen" dar, dient als Hilfe der Entwicklung, vor allem der Identitätsentwicklung mit dem Ziel der "Hilfe zur Vermenschlichung".
Die heilpädagogische Beziehung wird von einem heilpädagogischen Menschenbild geprägt, dem Menschenliebe und Liebe zum Leben ebenso wie eine personale Mitverantwortung als berufsethische Haltung zugrundegelegt sind.

Die heilpädagogische Beziehung basiert nach Nohl ( 1961) und Klafki (1970) auf pädagogischen Grundlagen eines interpersonalen Erziehungsverhältnisses: sie geschieht um des Kindes willen und wird für das Kind geschaffen. Sie hat eine Wechselwirkung zwischen Heilpädagogin und Kind und kann nicht erzwungen werden. Sie muss sich nach den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes richten. Sie ist in eine pädagogische Atmosphäre eingebettet, die auf Einstellungen, Haltungen und Formen menschlicher Zuneigung beruhen.
Bollnow spricht hier von "erzieherischen Tugenden", die sich als gefühlsmäßige zwischenmenschliche Voraussetzungen und menschliche Haltungen in einer heilpädagogischen Atmosphäre entwickeln können.

Köhn (2001, S. 28 f.) skizziert die Wechselwirkung und die "erzieherischen Tugenden" in Anlehnung an Bollnow (1965) folgendermaßen:
1. Keine falschen Erwartungen
Er bezeichnet es als gefährlich, mit den Erwartungen zu sehr in die Zukunft zu gehen, sich nicht vor allem nach der emotionalen Belastbarkeit des Kindes zu richten sondern die eigenen Vorstellungen als Maß der Dinge zu sehen. Köhn spricht hier von der "Eitelkeit" der Bezugspersonen, die die Erfüllung ihrer Wünsche erwarten.
Entscheidend ist es, sich um eine Beziehung zum "einzelnen Kind zu bemühen, um eine entwicklungsfördernde heilpädagogische Atmosphäre zu schaffen".
2. Zutrauen und Vertrauen
Da das Kind in vielen Punkten von der Erwartung seiner Bezugspersonen abhängig ist, ist es sehr wichtig, seinen eigenen Kräften- körperlichen, geistigen, seelischen- zu vertrauen und überzeugt davon zu sein, dass das Kind Entwicklungsaufgaben gut erfüllen kann.
3. Geduld
"Die Geduld ist die Tugend des Wartenkönnens. Wir verstehen sie am besten von ihrem Gegenteil her, von der Ungeduld, oder direkt ausgedrückt, von der Hast." (Bollnow, 1965, S. 56 f.). Das heißt, die Heilpädagogin sollte warten können, Angebote machen, aber den eigenen Rhythmus des Kindes akzeptieren.
4. Hoffnung
Die Heilpädagogin braucht eine positive Zukunftsperspektive. Dieses Vertrauen in die Zukunft kann ihr auch bei Enttäuschungen und Stillständen helfen, eine innere Überlegenheit zu bewahren. Diese vermittelt auch dem Kind die Sicherheit, dass sein Weg und seine Entwicklung weitergehen wird.
5. Humor
Dieser Humor ist die Fähigkeit der Heilpädagogin, Probleme und Kummer des Kindes aus einer gewissen Überlegenheit zu sehen, sie dadurch leichter zu nehmen und sich nicht mit hineinziehen zu lassen. So kann sie eine klare Sicht behalten und Spannungen lösen, vor allem bei Zorn oder Verzweiflung des Kindes. Der Humor muss warm und mitfühlend sein und das Kind achten, darf nie kalt oder ironisch werden!

Zu den Aufgaben und Möglichkeiten der personalen heilpädagogischen Beziehung gehören nach Köhn (2001, S. 31) vor allem
- der äußere Halt, der durch einen klaren Rahmen gewährt wird und in einer überschaubaren Situation stattfindet. Er ermöglicht den
- inneren Halt, durch absolute Zuverlässigkeit der Bezugsperson und Situation, die Sicherheit und Geborgenheit gibt.
- Vertrauen, Echtheit in der Selbst- und Fremdakzeptanz und -wahrnehmung und daraus entstehender Wertschätzung.
-Empathie, das Verstehen, Eingehen und sich Einfühlen in die Bedürfnisse, Fähigkeiten, Reaktionen usw. des Kindes
-Offenheit und Spontaneität, sich einlassen auf das "affektive, psychosomatische und intellektuelle" Geschehen zwischen dem Kind und der Heilpädagogin.
-Permissivität, Freizügigkeit und Freiheit beim Suchen eigener Ziele gewähren.
- Interdependenz, die gegenseitige Abhängigkeit im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit (ausgewogene Autorität und Mitbestimmung von Kind und Heilpädagogin).

In all diesen Punkten unterstützt der Hund die Heilpädagogin im Zusammen- wirken.
Er ermöglicht durch seine Anwesenheit, durch seine Reaktion und Kommunikation ein entspanntes Klima, in dem vieles möglich wird, eine "lockere Atmosphäre". In dieser ist ein entspannter Aufbau der heilpädagogischen Beziehung möglich. Anfangshemmnisse sind geringer, die Möglichkeit, den Hund zu sehen, vielleicht über ihn zu reden, ihn zu streicheln, seine Körperwärme und seinen Herzschlag zu spüren und die Zuneigung, die der Hund dem Kind gegenüber zeigt, erleichtern Kind und Heilpädagogin den Kontakt zueinander. Das Tier übernimmt die Funktion eines Mittlers und über die lebendige, empathische Beziehung des Kindes zum Hund wächst auch die Beziehung zur Heilpädagogin, die ja das ganze Geschehen ermöglicht, begleitet und leitet. Es ist wichtig, dass der Kontakt zum Hund nie als Ersatz zu menschlichem Kontakt gesehen wird, sondern als Ergänzung und Bereicherung.

Tiergestützte Heilpädagogik - meine Art der tiergestützten Arbeit

In der Praxis sieht das dann so aus:
Ich bin als Heilpädagogin im Schuldienst am Blindeninstitut Rückersdorf angestellt und leite eine Klasse in der Berufsschulstufe mit mehrfachbeeinträchtigten jungen Erwachsenen zwischen 18 und 21 Jahren. Zusätzlich arbeite ich freiberuflich an der Einrichtung und biete Einzeleinheiten mit meinen Hunden an.
Die Kinder und Jugendlichen- an unserer Einrichtung meist mit mehrfachen Beeinträchtigungen - begegnen den Hunden gemeinsam mit mir im engen Kontakt. In der Klasse in kürzeren Zeiteinheiten, weil dann sechs SchülerInnen mit den Tieren im Raum sind. So gehen die Hunde oft selbst auf die Jugendlichen zu, fordern zu Aktionen und Berührungen auf. Sie sind den ganzen Vormittag mit im Raum, kennen die Menschen und sind entsprechend entspannt. Sie haben die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und ungestört zu sein, können aber auch eine längere Zeit mit uns allen zusammen sein. Zu diesen eher kurzen Kontakten kommen auch in der Unterrichtssituation längere Phasen großer Nähe- ich ermögliche, dass ein Schüler auf "Ida" liegen kann, dass sich "Sophie" oder der Cavalier an jemanden schmiegt oder auf dem Schoß sitzt. So werden Wahrnehmung, Beziehung und Dialog möglich, vertraute Situationen entstehen, aber auch neue Erfahrungen können gemacht werden.
Die Einzeleinheiten bieten die Möglichkeit einer 45 Minuten langen, intensiven Begegnung, die ganz individuell gestaltet werden kann. So kann ich eine ganz ruhige, entspannende Stunde schaffen, in der das Kind auf dem Hund gelagert, die Körperwärme, den Herzschlag und die Atmung, die kleinen Bewegungen, den Körper spüren kann, und so eine vertraute "Ursituation" entsteht- geborgen und sicher, wie als Baby auf dem Bauch der Mutter.
Oder der Hund sitzt eng mit mir und dem Kind zusammen und ermöglicht so die Nähe.
Auch bei einer erst zurückhaltenden oder sogar ablehnenden Haltung des Kindes/ Jugendlichen bleiben der Hund- mit meiner Unterstützung, immer geschützt und abgesichert- und ich im Kontakt und Dialog. Eine neue Form der Begegnung kann so erlebt werden und dadurch bekannte und eingeschliffene Beziehungsmuster "entmachtet" werden - besonders wirksam bei Menschen, die Nähe schlecht zulassen können oder Körperkontakt oft mehr als negative Begegnung suchen, z. B. durch aggressives Verhalten. Genauso klappt das bei einem Bedürfnis nach großer Nähe, die mit dem unvoreingenommenen, nie wertenden und immer ehrlich begegnenden Tier ganz unbelastet erlebt und genossen werden kann.
Aber auch aktive Bewegungseinheiten finden statt- der Hund kann an der Leine geführt werden, ein Parcours kann zusammen gestaltet und bewältigt werden, die Möglichkeiten sind sehr vielseitig. Der Hund als aktives, selbst mitgestaltendes Arbeitsmittel kann in immer neuen Situationen mitwirken, immer trägt er dazu bei, eine motivierende, entspannte, neugierig machende Atmosphäre zu schaffen und zum "mittun" anzuregen.
Das Kind erlebt Bestätigung, fühlt sich unterstützt durch den Hund, kommt in eine Situation der Stärke, in der es dem Hund Unterstützung gibt und ihm zeigen kann, was zu tun ist. Eine Situation, die Kindern mit "Schwächen", die sie oft genug selbst erleben oder die ihnen von anderen vor Augen geführt wird, wieder Selbstvertrauen gibt und "die Lust am Tun und Ausprobieren" vermittelt.

Mir ist es wichtig, keinen festen Ablauf mit striktem Förderziel vorzugeben, sondern eine selbst gestaltete, sich entwickelnde, wachsende Situation zu ermöglichen. Alle Beteiligten- Menschen und Hunde -müssen sich sicher und wohl fühlen, im Kontakt bleiben. Jede Einheit ist ganz individuell auf die aktuellen Bedürfnisse des Kindes/Jugendlichen ausgerichtet und entwickelt sich mit der wachsenden Beziehung weiter. Ich ermögliche und leite, lasse aber die Mitgestaltung des Kindes als selbstverständlich zu. Zutrauen, Geduld, Hoffnung, Humor und die entsprechende, positive Erwartungshaltung der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung wirken sich hier immer positiv auf das gemeinsame Geschehen aus, der Dialog entsteht.


Zu mir:

1990 bekam ich meinen ersten Labrador Retriever, seit 1993 züchte ich diese Rasse unter dem Prefix "Franconian" sehr erfolgreich, seit 1998 auch Cavalier King Charles Spaniels. Ich züchte beide Rassen in VDH-angeschlossenen Zuchtvereinen und lege dabei großen Wert auf das Wesen, die Gesundheit, aber auch das Aussehen. "Franconians" sind immer wieder erfolgreich auf internationalen Ausstellungen, haben Begleit-, Jagd- und Rettungshundeprüfungen abgelegt und arbeiten als Therapiehunde mit Fachleuten. Daneben sind sie tägliche Begleiter und geliebte Familienhunde.

In diesen langen Jahren habe ich viele Erfahrungen und Fachwissen gesammelt:
- in Zucht und Welpenaufzucht
- bei Ausstellungen
- bei der Ausbildung meiner Hunde und den entsprechenden Prüfungen
- als Wesensrichterin und Zuchtwartin im Labradorclub D. (hier beurteile ich Wesensanlagen und Fähigkeiten der Hunde, als Zuchtwartin die Aufzucht und und den Zustand der Welpen und erwachsenen Hunde bei anderen ZüchterInnen)
- als Heilpädagogin, die ihre Hunde selbst in ihrer Tätigkeit einsetzt
- bei besuchten Fortbildungen und Weiterbildungen
- als Fortbildungsleiterin (seit 2007 wird eine von mir konzipierte und zusammen mit anderen Fachleuten gehaltene "Fortbildungsreihe über tiergestützte Therapie und -Pädagogik " beim Fortbildungsinstitut der Lebenshilfe Bayern angeboten)

Literaturverzeichnis

Gäb, Erwin: Schulkonzept der Fachakademie für Heilpädagogik
Rummelsberg
Eigenverlag, 2000

Köhn, Wolfgang Heilpädagogische Erziehungshilfe und
Entwicklungsförderung
Universitätsverlag C. Winter, 2001

Speck, Otto System Heilpädagogik
Ernst Reinhardt Verlag, 1998